Unsichtbare Liebe

Unsichtbare Liebe

SOBI, 27
Meinen ersten Kuss hatte ich mit einer Kindheitsfreundin, versteckt zwischen Laken, die auf der Wäscheleine im Hof trockneten. Wir waren sieben oder acht. Ich hatte noch nie etwas davon gehört, dass Frauen sich küssen können. Aber ich verstand intuitiv, dass es das Verbotenste war, was ich in meinem Leben getan hatte. Erst fünf Jahre später sah ich im Fernsehen, wie Jelena und Julia vom Pop-Duo t.A.T.u. im Regen knutschten. Später kam raus, dass sie nur auf lesbische Lolitas machten, um Platten zu verkaufen. Damals fühlte es sich aber an wie ein Schluck Sauerstoff. Das Musikvideo zeigte mir zum ersten Mal: Liebe zwischen Frauen existiert, was ich fühlte, war echt. Meine ersten Partner waren trotzdem Männer. Eine Frauenbeziehung bei uns in Sibirien – das sprengte damals meine Vorstellungskraft.

NASTJA, 27
Ich war noch nie mit einem Mann zusammen. Ich habe versucht, mit Kerlen zu schlafen, aber das konnte man nicht richtig Sex nennen. Meine erste Freundin hatte ich in der achten Klasse. Wir haben uns nie vor anderen geküsst, aber ich glaube, hinter unserem Rücken wurde getuschelt. Direkt gefragt hat uns niemand. In Russland läuft das so: Niemand stellt Fragen, wenn er Angst vor der Antwort hat. Meine Eltern haben sich bis heute kein einziges Mal dafür interessiert, mit wem ich zusammen bin und warum ich noch nie einen Mann mit nach Hause gebracht habe. Es gibt bei uns im Land ein Sprichwort: Wer weniger weiß, schläft ruhiger. Das fasst auch ganz gut den russischen Umgang mit Homosexualität zusammen.

SOBI
Als Nastja in mein Leben platzte, war ich 21 – und verlobt. Ich jobbte neben meinem Psychologiestudium in einem Buchladen in Tjumen und stand gerade an der Kasse, als Nastja zur Tür kam: kurze dunkelblonde Haare, blaue Augen, entschlossener Blick. Sie wollte eine Kollegin von mir besuchen. Ich fand Nastja unglaublich charismatisch, aber ich schwöre, damals hatte ich keine Hintergedanken. Mein damaliger Freund und ich galten als das Traumpaar in unserem Freundeskreis. Wir wollten bald heiraten und Kinder kriegen. Trotzdem machte mein Herz einen Satz, als Nastja ein paar Tage später wieder im Buchladen stand.

 
Wir sind unter euch

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